Oma Klonkmann

Eine Oma für alle Fälle.

Samstag, Februar 18, 2006

Ausgeraubt - Lissabon, Lisbon


i`ve got something to lose.


Die Lissabonnerinnen sind sich beim Kopftuchstreit einig.


samstag nacht. ich geh leicht angetrunken vom bairro alto runter zu restauradores wo paar nachtbusse fahren. es is eine sehr lange treppe die im weitläufigen zick-zack nach unten geht. am eingag zur treppe steht ein leicht zahnloser, dunkler typ, wie sie hier zu hunterten drogen verkaufen.


Lissabon Altstadt

(wenn man marijuana ablehnt, wird erst speed und dann sofort koks angeboten. "try it! good stuff, man!" wenn man auch das koks ablehnt, spielen sie total überrascht. what? you don`t take a sniff? als würden nur vollidioten kein koks reinziehen.)

naja, ich geh auf die treppe und der typ fragt mich nach der zeit. handy raus - es is 3 uhr, man. ich schrappl gemütlich weiter. er hängt sich schräg hinter mich und fängt ein gespräch an, das ich aber nur widerwillig mitmach, weil ich eigentlich nur ins bett will. aber er muss unbedingt labern. woher ich komm, ah deutschland, er is aus spanien. toll. so 5 minuten machma also im gehen so bissl zähe conversazionn.

dann kommt er auf drogen. ob ich was nehm usw. ich denk mir, aha, mal ne neue pusher masche - erst stundenlang anlabern und dann was anbieten. aber ich will und brauch doch nix - er nervt.

jetzt kommt er auf heroin und spritzen.

weiter...>jesus christ, ich will schlafen und kein heroin. dangerous! jaja gefährlich. und dann fängt er an mit "asaida, you know!" ich versteh nix und er wiederholt: asaida! asaida! ich versteh wirklich nich was er mit seim scheiß asaida will. asaida? whats asaida? er wird agressiv: "ASAIDA! YOU KNOW WHAT ASAIDA IS!! ASAIDIA!" no, i don`t know asaida. er total erregt: "no cure! no cure! no cure!!!". das versteh ich wieder und ich sag einfach so: "yeah, no cure."


Links Bairro Alto (Kneipenviertel) - Rechts Rossio (Zentrum)

das beruhigt ihn sichtlich. er sagt "look" und öffnet auf hüfthöhe die hand wie es die pusher machen um dem potentiellen kunden einen riesigen brocken dope zu zeigen. nur hat er was anders in der hand. es is so dunkel, dass ichs nich erkennen kann. im gehen wink ich dankend ab, no thanx. herrgottzack warum lässt mich der vorgel nich einfach in ruh. wieder hält er mir die hand hin - und jetzt erkenn ich was es is: eine spritze.

ich denk mir, wow, das is ein service! in lissabon kann man sich das heroin fertig in der spritze kaufen - hab ich auch noch nich gesehen. nochmal wink ich desinterssiert ab, nao, nao, und schlurf weiter. jetzt endlich springt er vor mich, hält mir mit eim irren blick drohend die spritze ins gesicht und zischt völlig abgedreht, als hätte er ne axt im rücken: "i`ve got nothing to loose, gimme 5 euros, i`ve got nothing to loose!!!!"




weil ich noch nie in so einen face-to-face raub verwickelt war und nicht im geringsten damit gerechnet hatte, brauch ich relativ lang um zu kapieren was eigentlich los is. ich schau mir die spritze an, sie is irgendwie nich so richtig mit blut gefüllt, aber es glitzert sowas rotes am fuß der metall-kanüle. schau auf ihn, auf die durchgeknallten augen. schau treppauf unf treppab, keine menschenseele, keine wohnhäuser, gschäftsviertel.




jetzt is auch klar warum er so unwirsch wurde, als ich "asaida" nich als aids erkannt hab. wenn der depp nichmal aids kennt, wie soll er sich dann vor meiner spritze fürchten?

ich reagier erstmal gar nich, weil ich mir vorkomm wie ein zuschauer. als würd ich im kino sitzen und eim raubüberfall zuschauen. der typ muss den satz noch paarmal wiederholen, bis mir klar wird: ich bin kein zuschauer sondern hauptdarsteller und muss jetzt irgenwas machen - aber es is kein fucking drehbuch da, wo drinsteht wie's weitergeht.

plötzlich kriecht eine verdammte angst in mir hoch, wie ich sie noch nich erlebt hab: die angst, kommst du lebend aus dieser situation raus oder nicht. wird hier auf der treppe in lisboa dein ende besiegelt oder nich. ein verdammtes, hilfloses scheißgefühl. da is eine stimme die sagt, lass dir die panik nich anmerken und ne andere stimme, die sagt, mach was, aber was vernuenftiges.

let me think.

möglichkeit a): i win, he looses. die spritze is nur ein fake, oder renn einfach weg, oder schrei laut oder qutasch so lange auf ihn ein bis er merkt, da geht nix, er wird nich zustechen.

moeglichkeit b): he wins, i loose. natürlich haben auch menschen in lissabon aids, und natuerlich hamm viele keine medizinische versorgung, und wie sollen sie sonst an geld kommen, und wenn er auf turkey is, is ihm sowieso alles wurscht, und selbst wenn es ein fake is, die spritze is verdreckt und er sticht einfach aus wut zu, weil er nix kriegt, oder er zieht ein messer wenn du ihm die spritze wegschlägst.

ich seh kurz ein bild von mir, wie ich mit kanuelen, schlaeuchen und aids-pusteln halbtot im krankenhaus lieg und mir sag, tu vollarschloch, warum hast du nich einfach alles gemacht was er wollte.

in dieser unentschlossenheit mach ich was komisches. ich greif sein handgelenk (mit der spritze) und drück es weg. es kommt zu einer mehr oder weniger statischen rangelei wie man sie aus hollywoodfilmen kennt. der böse will dem guten das messer ins herz drücken, und der gute drückt dagegen. aber weder kriegt er die spritze näher an mich ran, noch kann ich sein handgelenk irgendwie wegkurbeln. von außen siehts wahrscheinleich aus, wie das ballett von 2 leuten die ihre entschlossenheit testen wollen, ohne sich jetzt schon ernsthaft zu verletzen.

jetzt isses mir einfach zuviel und zu gefährlich. ich lass sein handgelenk los und zück relativ ängstlich mein geldbeutel. erst geb ich ihm die geforderten 5 euro. dann sagt er - wer hätte das gedacht - "give me all your money!! all!! give me!!!" es sind noch zwei 20 euro scheine drin. ich geb sie ihm. er is immer noch nich zufrieden. "all!!" - "alll!" ich halt ihm den geldbeutel hin, er kramt drin rum, sieht, dass nich mehr zu holen is. ich sag, er soll mir wenigstens die 5 euro für ein taxi da lassen. es interessiert ihn relativ wenig.

damit is unser rendez-vous beendet. um 45 euro ärmer und eine erfahrung reicher schlapp ich weiter nach unten. er verschwindet nach oben.

puh, den ersten richtigen überfall überlebt. einerseits aufregend, andererseits nichts was ich weiterempfehlen kann.

irgedwie bin ich so schlecht gelaunt, dass ich der nächsten polizistreife sag "i`ve been robbed". sie bringen mich sofort zur polizeistation, wo ein officer den fall mit allen papieren gewissenhaft aufnimmt. ich muss eine erklärung unterschreiben, dass ich daraufhingewiesen wurde, ich könne vom portugiesischen staat eine entschädigung für den überfall einklagen. ich frag, entschädigung fuer die 45 euro, oder wie? er meint, nicht nur. ich könnte auch anführen, ich hätte einen psychischen schaden durch den überfall erlitten.

naja, lieber nicht, ich möchte portugal nicht in den finanziellen ruin treiben. dann bittet er mich, am montag in die hauptwache zu kommen um paar suspects anzuschauen. muss ich? nein, aber es wäre gut fuer die prevention. um 5.30 uhr fahr ich ohne ticket mim nachtbus ins hostel.

in der verbrecherkartei von lisboa zu blättern is eine attraktion die nich jeder tourist buchen kann - wenn auch mit 45 euro etwas teuer. in der computer-bilddatenbank gibt es eine extra kategorie "Spritzen-Überfall".


besucherausweis fürs polizeihauptquartier.



die sehr nette und gut gelaunte dame fragt mich nach dem alter des angreifers. naja, so zwischen 25 und 35. sie seufzt und fragt mich langsam und deutlich wie eine lehrerin ein kindergarten-kind:

"now: is - it - more - towards - 25 - or - more - twards - 35?"
"more twards 25" sie laechelt milde und gibt ein: age 25-30
"now: how - tall - was - he? taller - than - me - or - smaller?
"i told the officer between 170-175 "yes."
sie laechelt und gibt ein: height 170-175 cm
"now: what - was - the - color - of - the - skin?"
"hm, not white, not black - a bit like olives, you know?"
sie bricht in schallendes gelaechter aus.
"so his skin was green, ha, ha, ha"
"well, of course i meant the dark ones...."
"forgive me, haha, i was just joking"

bestens gelaunt schließt sie die eingaben ab und ich seh jetzt 6 photos von abgerissenen gestalten die unglücklich in die kamera starren. 6 photos von 950. jesus christ! solche ueberfälle sind in lissabon gnauso üblich wie falschparken. im hostel hat mir dann einer erzählt, dass jeder lissabonner genaus weiß, ab wann man in welche straßen nich mehr gehen darf, weil man da einfach grundsätzlich zur eigentumsaufgabe überredet wird.

bei jedem bild besteht die möglichkeit ein häkchen zu setzen - der könnts gewesen sein. sie erklärt: "most people build a long list of similar looking people. we don't need that. we need only one picture! only one! the one who did it!" und dann freundlich aufmunternd: "find him!"

ich blätter mich durch. man sieht eine extreme seite der gesellschaft. kaputte, zerstörte, manche versuchen zu lachen. aber die meisten sind viel zu hellhäutig. sie erklärt mir daraufhin in einem fachgespräch ausführlich alle hautfarben der portugiesen - inklsive der ausländer.

am beispiel der ukrainer zeigt sie mir, wie schwierig das mit der hautfarbe ist: es gibt hellhäutige bis sehr dunkelhäutige ukrainer. da das system die hautfarbe aber aus der nationalität ableitet, muss man bei einer suche nach dunkelhäutigen unbekannten auch viele hellhäutige ukrainer einbeziehen.

whatever. es gibt zwar paar gesichter die ähnlich aussehen aber "it would be easy for me, to blame someone just for fun". muss ja nich sein. sie lächelt maliziös und sagt: "that means we have a negative?" "yes, m'am, a negative."

ich trink noch ein starken cafe auf staatskosten und das wars dann auch wohl.


1 Kommentare:

  • Am/um 7:14 nachm. , Anonymous Anonym meinte...

    He Klasse,
    toller Bericht.
    Habe richtig mitgefiebert.
    Ich wüsste auch nicht was ich machen würde.
    Gruss

     

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